Schreiben

[Kurzgeschichte] Der Geschmack von Zitronen

*pustet den Staub vom Blog*

Der Welttag des Buches ist eine gute Gelegenheit, um diesen Blog wiederzubeleben! Ihr findet die Geschichte auch auf fanfiktion.de und myfanfiction.net

Diese Kurzgeschichte habe ich im Oktober 2015 für einen Schreibwettbewerb geschrieben, der die vielseitigen Schichten von menschlichen Beziehungen als Thema hatte. Leider wurde ich letztendlich nicht ausgewählt – Aber bevor ich den Text in einer Schublade vergammeln lasse, dachte ich mir, ich präsentiere ihn euch.  🙂

Trigger Warnung: Essstörung

Der Geschmack von Zitronen

Das Geräusch der Gabel, die über den Porzellanteller kratzte, ließ Tanja innerlich zusammenzucken. Sie saß ihrer Tochter Sina am Esstisch gegenüber, ihre eigene Portion Fisch mit Gemüse war bereits aufgegessen. Der Teller stand beiseitegeschoben am Rand, es waren nur noch Reste darauf. Sina hatte ihren Blick starr darauf geheftet und schien das Muster der Soße zu studieren als wäre es eine antike Schrift, die es zu entschlüsseln galt. Sie vermied es die Unterlagen für die Klinik anzusehen, die vor ihrer Mutter auf dem Tisch ausgebreitet lagen. Sina hatte sie sich vor dem Essen durchgelesen und sie wortlos zurück auf den Tisch gelegt. Keine Reaktion. Nur bitteres Schweigen. Je länger Tanja ihre Tochter beobachtete, desto mehr fielen ihr in deren Augen und Gesicht die Spuren von Abscheu und Skepsis auf. Wie Sina beim Ausatmen die Nase leicht rümpfte und die Mundwinkel von Minute zu Minute ein wenig weiter nach unten wanderten, die Lippen fest zusammengepresst, die Hand um die Gabel verkrampft.

Tanja schluckte, als sich ihre Blicke streiften und sah rasch wieder auf ihre eigenen Hände. Lange, schlanke Finger, ein bisschen runzliger als noch vor zehn Jahren. Wieder stocherte Sina in ihrem Gemüse, spießte eine Kartoffel auf, wollte die volle Gabel zum Mund führen und legte sie schließlich doch beiseite um einen winzigen Schluck Wasser zu trinken. Tanja, die unruhig ihren Daumen knetete, stieß einen ungeduldigen Seufzer aus. Sie wollte sich um Sinas Willen zusammenreißen, aber die Zeit verging und nichts passierte. Die Uhr tickte, Sinas Gabel kratzte über den Teller und ab und zu knackte der Stuhl. Sie wollte ihre Tochter nicht anstarren und diese damit noch mehr unter Druck setzen, doch ihr Blick wanderte immer wieder zu Sina zurück.

„Ich kann das nicht, Tanja“, zischte Sina ungeduldig – ihre Stimme hart und kalt – legte das Besteck beiseite und rutschte mit ihrem Stuhl ein Stück vom Tisch weg. Seit wann hatte sie wohl aufgehört „Mama“ zu sagen? Wann war diese Lücke entstanden, diese unterkühlte Distanz? Tanja schloss entnervt die Augen, fasste sich an die Stirn und seufzte erneut. Was sollte sie ihr sagen? Tanja sagte immer die falschen Dinge, gab unnütze Ratschläge und traf unwissentlich einen sensiblen Punkt. Dabei wollte sie wirklich nur das Beste für Sina, wünschte sich aus tiefstem Herzen, dass es ihr gut ging und dass sie wieder fröhlich grinsen konnte. Wie jede Mutter es für ihre Kinder gewollt hätte. Aber ihre Worte und ihr Flehen drangen nicht mehr zu Sina durch. Tanja wollte Sina einfach nur an den Schultern packen und schütteln, ihr eine Ohrfeige geben und sie auf ihr Zimmer schicken. Aber das brachte schon lange nicht mehr den gewünschten Effekt. Es gab nur noch Tränen und Schweigen, keine Versöhnung mehr. Sie konnten nicht einmal mehr streiten. Aus Tanjas kleinem, süßem Mädchen war eine junge Frau geworden, die sich längst jeglichen familiären Einflüssen entzogen hatte. Ganz langsam und unbemerkt. Sina hatte mit der Beziehung zu ihren Eltern, vielleicht sogar der ganzen Welt abgeschlossen. Es gab nichts zu sagen.

Doch Tanja hörte nicht auf zu reden und wollte es auch nicht. Denn sie hatte nicht aufgegeben. Auch, wenn es sie innerlich auffraß und ihr den Schlaf stahl. Selbst in den dunkelsten Stunden, in denen es Stimmen in ihrem Kopf gab, die ihr rieten ihre Tochter einfach dem Schicksal zu überlassen und sich um das eigene Wohl zu sorgen – ja selbst dann, fand sich ein kleines, unnachgiebiges Rufen. Sie ist deine Tochter. Du liebst sie und sie liebt dich. Heute braucht sie dich mehr als jemals zuvor. Wenn du sie jetzt alleine lässt, ist der Abschied für immer. Willst du nachher im Sterbebett liegen, zurückblicken und diesen Moment bereuen?

„Ich lass dich nicht alleine, Sina“, erwiderte Tanja.

„Ich hasse dich“, murmelte Sina und schüttelte wütend den Kopf.

„Ich liebe dich, Sina“, Tanjas Augen füllten sich mit Tränen, „Wenn du es nicht mir zu Liebe tun kannst, dann für dich selbst. Du hast doch so viele Träume, du willst studieren und nach Afrika fahren und…“

„Ich kann es nicht!“, unterbrach Sina sie fauchend und untermalte ihre Aussage indem sie jedes Wort extra betonte. Ihre Hände waren zu Fäusten geballt, die Fingerknöchel traten weiß hervor.

Ja, sie hatte Träume gehabt. Irgendwann. Aber etwas war in ihrem Kopf. Etwas, das sie von innen blockierte. Die Welt da draußen überrollte sie. Alle hatten Anforderungen, Vorstellungen, die sie erdrückten und alles aus ihr herausquetschten. Sie fühlte sich wie eine ausgepresste Zitrone. Ebenso bitter gab sie sich nach außen. Genau die Person, der sie am meisten vertrauen wollte, ihre eigene Mutter, drückte unaufhörlich weiter. Jammerte, weinte und gab sich als Opfer aus. Wer spielte denn unfair? Glaubte Tanja etwa, dass Sina nicht bemerken würde, dass sie heimlich Butter ins Essen schmuggelte oder den Tee besonders großzügig zuckerte? Das war doch der wahre Vertrauensbruch! Es machte ihr nichts aus, wenn Leute auf der Straße ihr Aussehen abfällig kommentierten. „Iss doch mal was, Mädchen!“ und „Igitt, schau mal, wie dürr die ist! Man kann ihre Rippen sehen!“

Aber im Moment saß sie ihrer eigenen Mutter gegenüber. „Du willst doch nur dein eigenes Gewissen beruhigen! Aber du kennst mich nicht! Du hast doch keine Ahnung!“, rief Sina und wurde immer lauter. Ihr Körper bebte und war heiß, als würde er gleich explodieren. Sie fühlte sich so unwohl in ihrer Haut, in diesem Leben. Sie wünschte sich, die Zeit anhalten zu können. Wie bei einem Videospiel. Pause. Abbruch. Neues Spiel starten.

„Dann rede mit mir! Erklär es mir!“, flehte Tanja, doch Sina schwieg. Darüber reden – sie hätte es gerne gewollt oder gekonnt. Aber da war dieser Kloß in ihrem Hals, eine verschlossene Tür im Kopf. Das Papier raschelte, als ihre Mutter danach griff. Sie schien sich regelrecht daran festzuhalten. Auf den Unterlagen prangte groß und fett gedruckt das Wort „Fachklinik für Essstörungen“, daneben ein Informationspamphlet mit Bildern von Zimmern mit zitronengelben Wänden und lächelnden, abgemagerten Mädchen. Es war alles zu viel, sie wollte nichts mehr davon sehen und hören. Müde stützte sie den Kopf auf ihre Hände und schloss die Augen. Tanja stieß einen frustrierten Laut aus und stand ruckartig auf.

„Schau mich an, Sina!“, rief sie, kochende Wut in ihrem Bauch und ließ ihre Fäuste auf den Tisch knallen, sodass alles wackelte. Die Gabel rutschte vom Tellerrand und fiel klirrend zu Boden. Sina zuckte nicht einmal.

„Hilf mir doch, Mama“, dachte sie und musste sich auf die Lippe beißen, um nicht laut zu schluchzen. Ihr Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen, dabei hatte sie kaum etwas von dem Essen angerührt.

„Warum bist du nur so? Warum kannst du nicht einfach essen? Sieh dich an! Du bist Haut und Knochen! Wenn du nichts isst, wirst du sterben! Was ist nur falsch in deinem Kopf?“, schrie Tanja sie von der anderen Seite des Tisches an. Sina schniefte, wollte aufstehen und gehen, doch Tanja griff über den Tisch nach ihrer Hand. Ihre Finger zitterten und waren eiskalt. Es bedurfte all ihrer Konzentration um nicht weiter zu brüllen. Tanja holte tief Luft, ehe sie weitersprach.

„Es tut mir leid. Ich wollte nicht schreien, Sina. Es tut mir so leid“, wimmerte sie. Sina hob den Kopf und blickte direkt in Tanjas verweinte Augen. Endlich konnte Sina den Kloß in ihrem Hals herunterschlucken. Ihre Lippen bebten, als sie die Hand ihrer Mutter ergriff. Zu viele Emotionen. Sina konnte ihre Gedanken kaum ordnen. Doch inmitten des Chaos, flammte ein kleines Licht auf. Ein „Vielleicht“ inmitten all der Ablehnung und des Widerwillens.

„Ich werde die Papiere unterschreiben. Ich gehe in die Klinik“, sagte Sina.

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