Psychologie · Schreiben

Warum ich Psychologie studiere und wie es mich beim Schreiben beeinflusst

Ich studiere Psychologie im 5. Semester Bachelor. Warum? Weil mich Menschen und ihre Beweggründe faszinieren. Weil ich finde, dass seelische Wunden oft schwerer behandelbar sind und leichter übersehen werden, aber oft länger schmerzen als körperliche Verletzungen. Und weil ich mit ca. 15 Jahren nach einem Nervenzusammenbruch bei einer Psychologin war, deren Unfähigkeit und mangelnde Sensibilität bis zum Himmel stank. Nach drei Sitzungen habe ich beschlossen, so eine kompetenzfreie Person nicht mit Zeit und Geld würdigen zu wollen. Ich war fertig, aber ich habe auch gemerkt, dass in schwierigen Zeiten wahre Freunde und meine Familie zu mir stehen. Etwas hat „Klick“ gemacht und ich konnte mich selber am Kragen packen und aus der Grube ziehen. Es fing an als „trotziger“ Gedanke.

Das kann doch jeder besser als diese Zimtziege„, habe ich gedacht, „Das kann ich besser!

Ich kannte nun das dunkle Loch, in das Menschen fallen können und im Laufe meines Lebens habe ich auch viele andere hineinfallen sehen. Die Überlegung war lange vorher da, aber – und dafür muss ich dieser inkompetenten Frau wohl danken – der Entschluss, Psychologie zu studieren fiel in dieser Zeit. Bis es dann soweit war, vergingen einige Jahre und ich machte auch ein Frewilliges Soziales Jahr in einer psychiatrischen Klinik (um sicherzugehen, dass ich mit psychisch kranken Menschen wirklich umgehen und ihnen helfen kann). Heute bin ich hier, schreibe bald meine Bachelorarbeit und arbeite an meinem ersten Buch.

Psychologie und Schreiben – wie hängt das zusammen?

Ich habe schon immer gerne anderen zugehört und geholfen, ich sage zu selten Nein und denke manchmal erst zuletzt an bzw. zu negativ über mich. Ich denke aber generell viel nach, habe Fantasie und frage mich, was andere Menschen erleben und denken. Das sind wichtige Mermale für Psychologen und alle, die mit Menschen arbeiten wollen. Aber auch für Autoren.

Psychologie ist nicht, wie viele denken, begrenzt auf psychische Erkrankungen und Kliniken. Und Sigmund Freuds Theorien sind längst überholt und stark überarbeitete Elemente sind nur rudimentär in der heutigen Tiefenpsychologie zu finden. Aber: Psychologie ist überall. Im Supermarkt wenn die günstigen Sachen unten stehen, in Autocockpits mit neuer Benutzeroberfläche, in der Neurologie, in Werbeanzeigen, in Bewerbungsverfahren, in Coachings, in Konflikten, in unserer täglichen Wahrnehmung. Grundlegende Modelle zu Sender-Empfänger, Stressentstehung oder Aufmerksamkeit werden der Psychologie zugerechnet. Im Bachelorstudium lernt man deswegen vor allem Grundlagen. Wie funktioniert Wahrnehmung, wie Informationsverarbeitung, was sind Gründe für Fehler in diesen Systemen, warum verwenden Menschen Heuristiken, was reguliert die Amygdala, ab welchem Alter entwickeln Kinder die Theory of mind, welche Diagnostik-Verfahren gibt es etc. etc. … – praktisch Relevantes habe ich im „reinen“ Studium, also durch Vorlesungen, bisher weniger gelernt. Das Wissen kommt vor allem aus den dazugehörigen Praktika und anwendungsbezogenen Seminaren.

Gedanken lesen, Leute analysieren und ihr ganzes Leben auseinander nehmen kann kein Psychologe, den ich kenne. Wenn jemand drei Stück Zucker in seinen Kaffee tut, weiß ich nicht ob seine Eltern ihn vernachlässigt haben, ob seine Geschmacksnerven verkümmert sind oder ob er ein süßes Schleckermaul ist. Ich weiß nur, dass er drei Stück Zucker in seinen Kaffee gibt und dafür wahrscheinlich einen Grund hat (und dass ich das widerlich finde). Vielmehr geht es in der Psychologie, meiner Erfahrung nach, darum, die richtigen Fragen zu stellen. Gibt es auch Momente, in denen Sie sich nicht traurig fühlen? Warum stört Sie die Interaktion mit XY, können sie mir dafür ein konkretes Beispiel geben? Was tut Ihnen gut? Was müsste sich ändern, damit Sie sich besser fühlen?

Wenn ich Bücher lese, dann sind neben der Geschichte und dem Schreibstil für mich vor allem die Charaktere wichtig. Sie müssen Motive, Gründe haben und sollten dreidimensional sein, keine platten Konstrukte auf Papier. Sie können silbernes Haar haben, das im Licht wie Mondschein glitzert, aber wenn sie die emotionale und logische Reichweite einer Erdnuss haben hilft das alles nicht. Ich versuche in meinen Büchern großen Wert darauf zu legen, dass jeder Charakter seine eigene Geschichte hat. Frei nach dem Motto „Der Antagonist ist der Held in seiner eigenen Geschichte“. Das gilt aber auch für die beste Freundin der Heldin oder den Bruder oder den Typ von nebenan. Wenn ein Charakter eine gewisse Rolle spielt, braucht er in meinem Kopf neben einem Gesicht auch Eigenschaften, die ihn charakterisieren. Natürlich baue ich gerne Erfahrungen aus meinem Studium und den Praktika mit ein.

Wie verhält sich jemand mit einer posttraumatischen Belastungsstörung, welche Symptome können sich wann zeigen und wodurch ausgelöst werden? Wie denkt jemand, der eine Essstörung hat? Wie nimmt jemand die Welt wahr, wenn er an Depressionen leidet?

Dafür muss man nicht unbedingt Psychologie studieren, es gibt genug Fachbücher, die einem das Wissen vermitteln können. Was am meisten hilft, ist: Menschen um sich herum beobachten und wahrnehmen. Gespräche führen, Dinge und Einstellungen zu hinterfragen. Offen gegenüber Menschen und Interessen zu sein, die einem selbst fremd, dumm oder schlichtweg gleichgültig sind. Ist die oberflächliche Tussi mit den gemachten Fingernägeln wirklich einfach ein gemeiner, zickiger Mensch oder wurde sie in der Vergangenheit verletzt und gibt sich nun wie eine Löwin? Sind die feierwütigen Nachbarn wirklich nur laute, nervige Menschen oder führen sie im Rausch bei Rotwein und Gras auch tiefe, philosophische Gespräche? Was für Träume und Ziele haben sie? Warum lieben sie das, was sie lieben? Warum mag ich das vielleicht nicht? Was macht uns gleich und was unterscheidet uns?

Ich stelle Fragen, bleibe neugierig und versuche jeden Menschen losgelöst mit der größtmöglichen Offenheit gegenüber all seinen Eigenarten zu betrachten.

Einfühlungsvermögen, Fantasie, Offenheit, Interesse, Flexibilität.

Das sollte ein guter Psychologe meiner Meinung nach mitbringen. Stempel reichen nicht aus und wer blind nach Lehrbuch sein Manual runterspult wird den Menschen nie auf die Art helfen können, wie jemand der tiefer blickt.

Für einen Autor sind diese Eigenschaften ebenso wichtig, wenn er ein Buch schreiben möchte, das tiefgründig, bunt und vielschichtig ist.

Es spielt ineinander und sich mit der menschlichen Psyche und ihrer Geschichte auseinanderzusetzen bereichert nicht nur ein mögliches Buch, sondern auch einen selbst.

Advertisements

12 Kommentare zu „Warum ich Psychologie studiere und wie es mich beim Schreiben beeinflusst

    1. Hallo Daniela,
      vielen Dank für dein Feedback.
      Ich freue mich sehr über deine Worte! Hoffentlich werde ich dem gerecht. Letztlich ist es egal wie groß ein wirklich Problem ist, es zählt wie groß es für die Person ist. Diesen Grundsatz will ich nie vergessen. Wenn ich mal eine Praxis haben sollte, rahme ich ihn mir ein und nagel ihn sichtbar an die Wand.
      Viele Grüße,
      Babsi

      Gefällt mir

  1. Hey,
    der Artikel ist wirklich gut geschrieben und bei einigen Sachen habe ich mich beim zustimmenden Nicken erwischt. Ich bin in der Soziologie gelandet (6.Semester) und habe gerade überrascht festgestellt, dass wir auch einiges gemacht haben was du gerade beschrieben hast. Natürlich nicht annähernd so ausführlich.
    Ich wünsche dir allen Erfolg und jede Menge Freude
    Kaddes

    Gefällt 1 Person

  2. Hey 🙂

    Unter deinen Gesichtspunkten hab ich das noch nie betrachtet, aber du hast mit einigen Punkten auch bei mir etwas zum Anklingen gebracht. Über Dinge nachzudenken, halte ich aber in vielen Berufen für sinnvoll, viele Konflikte würden sich bestimmt leichter lösen lassen …

    Liebe Grüße
    Ascari

    Gefällt 1 Person

    1. Hey Ascari,

      Schön, wenn ich ein bisschen was anstoßen konnte!
      Jaaa viele Konflikte würden sich mit einem ruhigen Kopf und ein bisschen Einfühlungsvermögen leichter lösen lassen. Aber es sagt sich auch oft leichter, als es ist. Der Mensch ist ja nicht nur rational, sondern vor allem auch emotional. 😀

      Liebe Grüße,
      Babsi

      Gefällt 1 Person

  3. Ja, Psychologie ist mehr als faszinierend! Durch meine Ausbildung habe ich mich viel damit beschäftigt, aber eben auch aus eigenem Antrieb lese ich viele Biographien in diese Richtung! Ich kann dein großes Interesse an diesem Bereich mehr als nachvollziehen & wünsche dir für dein zukünftiges Studium noch viele interessante Fälle/Bücher und die gleichbleibende Motivation (=

    Liebe Grüße
    Janna

    Gefällt 1 Person

  4. Man muss sicher nicht Psychologie studieren, um einem einfühlsam die Buchcharaktere so nahezubringen, dass sie einem lebendig vor dem inneren Auge erscheinen. Aber ich glaube, dass die Motivation, sich mit Psychologie zu beschäftigen, auch dazu führt, dass man schlüssige, menschliche und nachvollziehbare Charaktere erschaffen kann und die finde ich bei einem guten Buch ganz wichtig.
    Ich kenne Dich zwar nicht, aber aus Deinem Beitrag habe ich den Eindruck, dass Du Dich für die richtige Berufswahl entschieden hast. Das scheint genau Dein Feld (bzw. Deine beiden Felder) zu sein. Ich drück die Daumen und wünsche dir viel Erfolg!

    LG Gabi

    Gefällt mir

  5. Hallo,

    Ein wirklich schön geschriebener Artikel. Man kann sehr gut heraus lesen das du die richtige Wahl getroffen hast. Ich wünsche dir viel Erfolg beim Schreiben und hoffentlich bleibt dir die Freude an deinem Beruf weiterhin erhalten!

    LG Sonja

    Gefällt 1 Person

  6. Huhu!

    Ich glaube, wenn ich nochmal 18 wäre und entscheiden müsste, was ich mit meinem Leben machen möchte, würde ich vielleicht auch Psychologie wählen – ich habe erst im Laufe meines Erwachsenen und Berufsleben (ganz andere Richtung!) gemerkt, dass das etwas ist, das mich sehr interessiert – wahrscheinlich auch deswegen, weil ich selber mit Depressionen und einer schizoaffektiven Störung lebe. Und du hast recht, Psychologie ist wirklich überall, auch wenn man es gar nicht bewusst merkt.

    In Büchern finde ich Charaktere mit der emotionalen Reichweite einer Erdnuss auch elend langweilig, ich habe viel lieber Charaktere, die ihre Stärken, aber auch ihre Schwächen haben. Deswegen lese ich lieber die Antiheldinnen von Gillian Flynn als das xte hübsche Mädel, das sich nicht zwischen zwei heißen Jungs entscheiden kann…

    Ein toller Artikel, sehr interessant!

    Ich habe diesen Beitrag HIER für meine Kreuzfaht durchs Meer der Buchblogs verlinkt!

    LG,
    Mikka

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Mikka,
      vielen Dank für deine Worte. Ich hoffe, es geht dir gut und du hast die Unterstützung und die Kraft mit deinen psychischen Krankheiten umzugehen! Es ist sehr bewundernswert, dass du so offen damit umgehst. Vielen Dank für die Verlinkung, das ist ein sehr interessantes Projekt!
      Liebe Grüße,
      Babsi

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s