Schreiben

[Märchen] Die Sirenen

Habt ihr auch schonmal spontan ein Märchen geschrieben? Nein? Ich auch nicht. Bis heute. Ups?

Als musikalische Untermalung beim Lesen empfehle ich übrigens das Lied hier.


 Die Sirenen

„Folge uns, komm zu uns, komm hinab ins Meer, steig in die Wellen, tauch ein in die Gischt und fisch mit uns nach Perlen. Das Meer ist ein schöner Ort um zu sterben.“

~*~

Es heißt, dass es einst ein junges Mädchen gab, deren Stimme klang wie das Licht der Frühlingssonne auf der Haut. Man sagt sich, dass sie singen konnte wie ein rauschender Wasserfall oder wie ein Tautropfen an einem Grashalm. Ein Mädchen mit einer Stimme so schön wie das Glitzern des Vollmondes auf frischem Schnee. Es war ein Geschenk der Götter, ein Zauber in ihrem Blut. Jeder, der ihren Gesang hörte, ward ganz vernarrt und vergaß über ihre Lieder fast, was er zu tun gedacht hatte.

Wo sie auch war, versammelten sich die Menschen, um ihrer Stimme zu lauschen. Wenn sie einen Jüngling um einen Tanz bat, so konnte er nicht ablehnen, ganz gleich ob er bereits einer anderen versprochen. Wenn sie nach dem Weg fragte, so spannten die Bauern ihre Pferde vor den Karren und fuhren sie dorthin. Doch bald wurde sie sich ihrer Macht gewahr und mit dem Alter und dem Wissen um ihren Schatz, verdarb ihre reine Seele. Bald benutzte sie ihre Stimme nicht mehr, um die Leute zu erfreuen, sondern um sie sich untertan zu machen. Sie raffte Sklaven und Schätze an. Jeder Mann und jede Frau, die sie haben wollte, die folgten ihrer Stimme wie von Sinnen. Sie hatte vergessen die Menschen und die Welt liebzuhaben.

Sie ließ sie fallen wie zerbrochenes Spielzeug und bald entbrannte ein Krieg zwischen denen, die das Mädchen haben wollten, aber sie nicht haben konnten. Die Götter betrachteten dies mit Sorge und hofften, das Mädchen würde ihre Stimme nutzen, den Krieg beizulegen. Doch sie lachte nur über deren Torheit und ihr Lachen war glockenhell, sodass sich die Soldaten mit freudigen Gesichtern das Messer in die Brust rammten. Ihr Dorf war ihr nicht genug, bald war ihr das Land nicht genug und sie wollte mit ihrer Stimme noch mehr Macht an sich reißen.

Da stieg die Göttin hinab, die dem Mädchen einst die schöne Stimme in die Wiege gelegt hatte.

„Es ist genug! Deine Stimme führt die Menschen ins Verderben! So verbanne ich dich und deine Nachkommen hinab ins tiefste Meer, wo dich niemand mehr hören kann!“

Und das Mädchen, das inzwischen eine junge Frau war, weinte fürchterlich, doch die Fluten ergriffen sie erbarmungslos an den Schenkeln und rissen sie hinab in die Dunkelheit. Ihre Tränen machten das Meer an jenen Tagen noch salziger. Die Nixen konnten ihre Stimme nicht hören, hatten jedoch Mitleid mit ihr, wie sie auf dem Sand saß, ganz allein und bitterlich weinte. Auch weil sie ein Kind im Bauche trug, das nun niemals die Sonne oder eine Menschenseele sehen würde. Die Nixen schwammen zu ihrer Mutter, der Göttin der Meere, die die Geschichte des Mädchens wohl gehört hatte. Ihr Herz wurde schwer wie ein Stein und die Göttin erbarmte sich ihrer.

„Grolle nicht länger, Mädchen. Meine Fische verkümmern ob deiner salzigen Tränen. Ich erlaube dir, wieder an die Oberfläche zu gehen, wenn du schwörst, nur mir zu dienen und zu huldigen!“

Das Mädchen wischte die Tränen hinfort und versprach der Göttin, ihr zu dienen und zu huldigen. Die Göttin der Meere sprach einen Zauber, damit das Mädchen und ihre Nachkommen den Schwur niemals brechen mögen.

„Du darfst an Land, jedoch immer nur für sieben Tage, dann musst du wieder ins Meer hinab, sonst wird dich die Kraft des Mondes in Sand verwandeln. Ebbe und Flut werden deine Körner auf ewig umwälzen!“

Das Mädchen, das ihre Liebsten schmerzlich vermisste, willigte ein und eilte sogleich zurück an Land. Oh wie glücklich war sie, ihre Liebsten nach all den Jahren wieder zu sehen. Der Krieg war vorbei, es war als wäre mit der Stimme des Mädchens der böse Schleier gegangen und die Leute waren zur Vernunft gekommen. Das Mädchen verbrachte sechs Nächte bei ihren Liebsten. Dort kam ihre erste Tochter zur Welt. Ihr Weinen war so lieblich und süß, dass Leute aus dem ganzen Dorf kamen, um ihr Geschenke zu bringen. Auch das Mädchen war ganz hingerissen und liebte ihr Kind. Am Morgen des siebten Tages ging sie brav zurück zum Strand und verschwand mit ihrem Töchterlein in den Fluten, wie sie es der Göttin des Meeres versprochen hatte.

~*~

Viele Jahre sind seither ins Land gezogen. Das Mädchen hatte viele weitere Kinder, deren Stimmen ebenso schön waren wie die ihre. Jedoch war das göttliche Blut der Kinder verdünnt, sodass nur ihr lauter Gesang, ihr Schreien oder ihr Weinen die magische Wirkung entfalten konnte. Als das Mädchen alt wurde, zog sie in den Palast der Göttin der Meere. Ihre Kinder bevölkerten die See und zollten ihr und der Göttin der Meere Respekt, indem sie mit ihrem Gesang oder ihrem Flehen einige Schiffe mit reichen Schätzen auf den dunklen Meeresgrund schickten, wo sich das Mädchen und die Göttin der funkelnden Schätze erfreuen konnten.

Ende.

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2 Kommentare zu „[Märchen] Die Sirenen

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